Individualität
Ein wichtiger Grundsatz in der Homöopathie ist, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen ist. Immer ist es der einzelne, unverwechselbare Mensch mit seinem individuellen Beschwerdebild, der behandelt wird. Somit muss für ihn unter Tausenden potenzieller Arzneimittel ein möglichst ähnliches gefunden werden.
Nehmen wir zur Verdeutlichung das weit verbreitete Leiden ‚Kopfschmerz’. Der eine Patient hat einen punktförmig-stechenden Schmerz über der Nasenwurzel, ein zweiter klagt über pulsierende Schmerzen in der Stirn und ein weiterer hat dumpfe Schmerzen im Hinterkopf verbunden mit einem steifen Nacken.Eine wichtige Rolle spielen die Umstände, unter denen sich die Beschwerden verbessern und verschlimmern. Bei einem Menschen bessern sich die Kopfschmerzen durch Wärme, bei einem anderen durch kühle Umschläge oder wenn er mit den Fingern auf die schmerzhafte Stelle presst. Ein anderer kann nur benennen, dass der Schmerz zwischen 10 und 11 Uhr am intensivsten ist und danach wieder nachlässt. Möglicherweise kann er aber einen Auslöser angeben oder Begleitsymptome („Immer wenn ich Kopfschmerzen habe, friere ich ganz stark, aber mein Kopf ist komischerweise ganz warm.“) Und wie ist die Stimmung? Womöglich ungewöhnlich stark gereizt, trostbedürftig oder abweisend und auf Rückzug aus?
Auch hier ist es wiederum ganz anders als beim Schulmediziner. Diesen interessiert es nicht sonderlich, ob die Kopfschmerzen regelmäßig um 10 oder 12 Uhr ihren Höhepunkt haben oder ob der Schmerz sich allmählich steigert, um dann plötzlich nachzulassen. Für den Homöopathen sind dies oft wertvolle Hinweise auf bestimmte homöopathische Arzneien. Je individueller, sprich je ungewöhnlicher etwas ist, umso potenziell wertvoller ist dies für den homöopathischen Praktiker.
Frühere Gesundheitsstörungen, familiäre Krankheitsdispositionen und andere Details können ebenfalls wertvolle Hinweise zur Mittelfindung liefern.
Dosierung
Oft sind die Patienten erstaunt, wenn sie nur ein paar Globuli (Kügelchen) einnehmen sollen. Sie fragen (leicht verunsichert) nach, ob das denn genüge, schließlich habe man ja erst in einigen Wochen wieder einen Termin.
Um die Lebenskraft zu beeinflussen, genügt oft ein einzelner ‚energetischer Anstoß’, ein einziger Heilungsimpuls, dessen Wirkung Wochen, mehrere Monate und länger wirken kann. Danach sind oft Wiederholungen der Arznei erforderlich, manchmal reicht aber auch eine einzige Gabe.
Betrachten wir zur Verdeutlichung eine Pendeluhr. Wir ziehen die Gewichtssteine auf, versetzen dem Pendel einen Stoß, und es schwingt rhythmisch hin und her. Berührt man nun nach kurzer Zeit das Pendel erneut, so gerät es evtl. in Unruhe und nach kurzer Zeit bleibt die Uhr stehen. Solange etwas in Bewegung ist, braucht es keine zusätzliche Krafteinwirkung, sonst gerät das Ganze noch in falsche Bahnen.
Es ist wie bei dem Schlüssel und dem Schloss. Hat man das Glück und das Können, eine sehr ähnliche Arznei zu finden, so wirkt diese wie DER passende Schlüssel. Die Tür, die jahrelang verschlossen war, geht auf, und die Erkrankung bessert sich deutlichst in kurzer Zeit oder verschwindet ganz. Selbst jahrelang bestehende Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen wie z.B. Colitis ulzerosa, bisher therapieresistente Migräne, um nur einige Krankheitsnamen zu nennen, können sich innerhalb weniger Monate deutlich bessern. Aber: Die Regel ist dies leider nicht. Vielleicht wäre das Simillimum, so bezeichnen die Homöopathen die ähnlichste Arznei, ein ganz bestimmtes Nachtschattengewächs. Nur – diese Pflanzenfamilie umfasst ca. 2300 Arten. Homöopathisch gut bekannt sind jedoch bisher nur vier, fünf Pflanzen und zu fünf, sechs weiteren Nachtschatten existieren einige weitere homöopathische Informationen. Zum Glück ist es aber nicht so, dass es nur ein einziges potenzielles Heilmittel gibt. Ein anderes Nachtschattengewächse beispielsweise oder eine ganz andere Pflanze mögen ähnlich genug sein, um eine Heilreaktion zu initiieren.
Es ist übrigens ein Irrtum, dass homöopathische Mittel keine „Nebenwirkungen“ haben können. Nimmt jemand über längere Zeit in unpassend hohen Dosierungen ein Mittel ein, kann eine Arzneimittelprüfung die Folge sein, d.h. der Patient produziert Symptome, die für diese homöopathische Arznei typisch sind. Nach dem Absetzen des Arzneimittels verschwinden diese Erscheinungen in der Regel wieder.
Komplexmittel
Einige Therapeuten wollen den zeitaufwendigen Weg, eine möglichst ähnliche Arznei zu finden, abkürzen. Wie der Name bereits sagt, handelt es sich um Mischungen verschiedener homöopathischer Substanzen. Es werden zwei bis dreißig Mittel gemischt, in der Hoffnung, dass ein passendes dabei sein wird.
Komplexmittel wirken in der Praxis wenig überzeugend. Manchmal helfen diese ganz ordentlich bei akuten Störungen, eine dauerhafte Heilung chronischer Beschwerden erreicht man damit in der Regel nicht.
Außerdem weiß man nicht, wie die Wirkung von mehreren Medikamenten oder die Wechselwirkung zwischen ihnen ist. Wir wissen aber um die Wirkung eines einzelnen Arzneimittels, da dieses – und nur dieses – am gesunden Menschen geprüft wurde.
Und vor allem: Ziel ist es, eine möglichst ähnliche Arznei, den passenden Schlüssel zu finden. Bei der Verordnung von Komplexmitteln wird dies erst gar nicht versucht. Quantität soll hier fehlende Qualität ersetzen.