Die "Erstverschlimmerung"
Im Rahmen einer homöopathischen Behandlung kann es vorkommen, dass sich v.a. bei chronischen Fällen die Beschwerden kurzzeitig intensivieren können. Oder alte, vergangene Beschwerden, die man seit Jahren nicht mehr gespürt hat, treten für kurze Zeit erneut auf. Nur, was bedeutet dies?
Diese Heilreaktionen sind oft ein positives Zeichen und zeigen, dass die Lebenskraft anspricht, die Schwachpunkte im Körper erkannt wurden und der Heilungsprozess in Gang gesetzt worden ist. Nach der Mitteleinnahme kann eine Reaktion innerhalb von zwei Minuten oder erst nach Wochen, in seltenen Fällen auch nach drei oder vier Monaten auftreten. Je nach verabreichter Arznei, deren Potenz (= Arzneistärke) und dem energetischen Zustand des Patienten ist der zeitliche Ablauf unterschiedlich.
Die Art der Heilreaktion ist verschieden. Manchmal reagiert der Körper mit vermehrter Ausscheidung, wie Schleim, Durchfall, Nasenbluten, vermehrtem Schwitzen etc. Solche Reaktionen wirken wie ein Ventil und stellen eine Art Selbstreinigung dar. Der Organismus kann sich entlasten, und der Patient fühlt sich anschließend besser.
Auch im psychischen Bereich sind oft Reaktionen wahrzunehmen. Introvertierte und blockierte Menschen werden vorübergehend emotioneller. Waren sie früher diplomatisch und äußerlich ausgeglichen, verlieren sie nun möglicherweise schneller die Geduld, sind gereizter und auch mal explosiv. Verdrängtes kommt hoch, wird nochmals gelebt, bearbeitet und verarbeitet. Der Patient beginnt sich zu wehren. Mit der an ihn gerichteten Erwartungshaltung kann er besser umgehen und ist weniger gestresst. Wollte er es früher immer allen recht machen und konnte nie nein sagen, wehrt er sich heute und kämpft für seine Anliegen. Der Patient nimmt seine Gefühle besser wahr, fühlt sich leichter, ausgeglichener und freier.
Heilungsverlauf – Die Hering’sche Regel
Unabhängig vom zeitlichen Verlauf unterliegt jedoch der Ablauf einer Heilung einer Gesetzmäßigkeit, welche nach ihrem Entdecker Konstantin Hering (1800 – 1880) benannt worden ist. Aus einer großen Anzahl von geheilten Fällen erkannte er folgende Gesetzmäßigkeit:
„Die Heilung erfolgt von oben nach unten, von innen nach außen und in umgekehrter Reihenfolge des Entstehens.“
Was genau darunter zu verstehen ist, will ich mit folgenden Beispielen verdeutlichen.
- Von oben nach unten:
Ein Patient kommt wegen rheumatischer Beschwerden in verschiedenen Körperregionen, wie Schulter, Rücken und Beinen, zur Behandlung. Nach der Gabe einer passend gewählten Arznei berichtet er bei der nächsten Konsultation von Rückenschmerzen. „Wie geht es Ihrer Schulter?“ – „Da verspüre ich keine Schmerzen mehr.“ Das Krankheitsgeschehen hat sich weiter nach unten verlagert. Einige Wochen später klagt er über mäßige Knieschmerzen. Der Rücken ist inzwischen beschwerdefrei. Eine oder mehrere Gaben der passenden homöopathischen Arznei werden weitere energetische Impulse setzen, so dass letztendlich auch die Knieschmerzen verschwinden.
Der Vollständigkeit halber soll nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Ablauf nicht immer beobachtet werden kann. Manchmal verschwinden die Beschwerden auch gleichzeitig, was nichts über die Qualität des Heilungsverlaufs aussagt.
- Von innen nach außen
Die Heilung erfolgt vom Zentrum zur Peripherie, d.h. von den wichtigeren Organen zu den weniger wichtigen. Auch das Gemüt, das Stimmungsbefinden, bessert sich oft zuerst. Die Haut als äußerstes Organ heilt am Schluss. Als äußerste Ebene hat sie auch eine Entgiftungsfunktion.
Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Patient mit Hautausschlag, erschwerter Atmung aufgrund einer allergischen Disposition und des Öfteren unangenehmen Stichen in der Herzgegend. (Eine ärztliche Untersuchung ergab keinen organischen Befund.) Des Weiteren beschreibt sich der Patient seit einigen Jahren als zunehmend lustlos und antriebslos, das Schlafbedürfnis ist hoch.
Zustand zwei Monate nach Verordnung einer homöopathischen Arznei: Die Stiche treten nur noch vereinzelt und mit abnehmender Intensität auf. Die Atmung hat sich im Laufe der ersten vier Wochen zunehmend gebessert, wobei es anfangs zu einer kurzzeitigen Verstärkung kam (was mit dem Asthmaspray problemlos ‚aufgefangen’ werden konnte). Die Stimmung war in den ersten Wochen nach der Einnahme deutlich besser, wobei dies jetzt wieder etwas rückfällig geworden ist. Das zu hohe Schlafbedürfnis hat sich nach einer Woche nahezu normalisiert und hat sich seitdem nicht mehr verändert. Die Haut ist unverändert.
So ähnlich präsentiert sich oft der Bericht sechs oder acht Wochen nach Einnahme einer passenden Arznei. Weitere Einnahmen der gleichen Arznei werden folgen, evtl. auch in einer höheren Potenz und in vermutlich immer größer werdenden zeitlichen Abständen, bis auch die Haut abgeheilt ist.
Auch hier möchte ich eine kleine Einschränkung hinzufügen. Bei Menschen, bei denen ein wirklich intensiver Kummer, ein großer Ärger lange Zeit unter Verschluss gehalten wurde, ist durchaus zu erwarten, dass sich dies erst einmal ‚Luft verschaffen’ muss. Das, was so lange unterdrückt wurde (und sich zwischenzeitlich in Form von Krankheitssymptomen Aufmerksamkeit verschafft hat), will losgelassen und geäußert werden. Auf welche Art und Weise, liegt nicht im Ermessensbereich der homöopathischen Arznei. Diese hat nur die Tür mehr oder weniger weit geöffnet.
Manchmal läuft eine Heilung auch vornehmlich auf der Traumebene ab. ‚Unangenehme’ Träume bei Menschen, die bisher fast nie geträumt haben, können vermehrt auftreten und zeigen, dass bisher Verdrängtes dabei ist, bearbeitet und integriert zu werden.
- In umgekehrter Reihenfolge des Entstehens
Krankheiten, die erst kürzlich aufgetreten sind, heilen zuerst ab. Die Krankheitsgeschichte wird oft chronologisch rückwärts aufgerollt. Am Schluss verschwinden die Befindensstörungen, die man am längsten hat.
Beispiel: Ein Patient hat seit der Kindheit Kopfschmerzen, seit fünf Jahren Magenbeschwerden und seit einem Jahr leidet er an Asthma. Nach Verordnung einer passenden Arznei verschwindet zuerst das Asthma, dann die Magenbeschwerden und zuletzt die Kopfschmerzen.
Die Hering’sche Regel ist somit ein Beurteilungskriterium, das den Ablauf einer Heilreaktion beschreibt. Die alltägliche Praxis zeigt, dass oft nur ein oder zwei der oben genannten Kriterien erfüllt sind. Manchmal verschwinden Beschwerden, die unterschiedlich lange bestehen, auch nahezu gleichzeitig.
Übrigens: Auch Praktizierende anderer ganzheitlicher Methoden (z.B. Akupunktur) haben diese Gesetzmäßigkeit beobachtet und in ihren Lehrbüchern beschrieben!